Stings Kompositionen sind längst Klassiker: „Roxanne“ oder „Englishman In New York“ gehören zum überzeitlichen Repertoire der Rock- und Popmusik. Ein Grund dafür könnte sein, dass der Sänger seine Inspiration seit jeher bei den alten Meistern sucht: Jeden Morgen spielt Sting ein Stück aus Bachs Cello-Suiten auf seiner Gitarre, für den Song „Russians“ hat er sich bei Prokofiev umgesehen, für „Whenever I Say Your Name“ die Harmonien einer Bach Prelude eingearbeitet. Sting liebt die Ausflüge in die Klassik, hat gemeinsam mit dem Tenor Luciano Pavarotti gesungen und sich auf seinen letzten Alben mit dem Renaissance-Musiker Dowland oder dem Romantiker Schubert auseinandergesetzt. Und mehr noch: Er hat gesagt „der Rock ist tot. Mich interessiert nur noch eine Musik, die das Publikum und mich selbst irritiert.“ Und genau darum geht es auch in seinem neuen Album „Symphonicities“, in dem Sting nun noch einen Schritt weiter geht. Gemeinsam mit dem Royal Philharmonic Concert Orchestra überprüft er den klassischen Wert seiner größten Hits.
In den Orchesterbearbeitungen der wichtigsten Songs aus Police- und nach-Police-Zeiten ging es dem Sänger aber nicht nur darum, die Musik einfach mit Orchesterklang zu füllen. Sting wollte kein glattgebügeltes „Sting and Strings“-Album. Im Gegenteil, der Sänger hat sich einige der besten Arrangeure ausgesucht, unter ihnen den vielfach preisgekrönten Kinostar Dave Harteley. Weil Sting zwar an klassischen Orchestersätzen interessiert ist, aber weiß, dass ihm für den Umgang mit Bläsern, Streichern und Schlaginstrumenten das Know-How fehlt, hat er seine Arrangeure mit klaren Vorgaben ausgestattet: „Bewegt euch frei in der bestehenden Struktur der Lieder und fordert das Orchester besonders rhythmisch heraus.“ Nur so konnten neue Perspektiven auf die Pop- und Rock-Klassiker entstehen.
Die Idee zu diesem Album ist Sting gekommen, nachdem das Chicago Symphony Orchestra ihn eingeladen hatte, seine Lieblingsstücke in Orchesterklang zu betten. Schnell stellte sich heraus, dass dieses Unterfangen nicht einfach sein würde, wenn man so wie Sting es ernst nimmt mit der Musik. Plötzlich lagen wesentliche Fragen auf dem Tisch: Was kann ein Orchester erzählen? Wie passen klassische und elektronische Instrumente zusammen? Wie lassen sich die Perspektiven der Songs musikalisch öffnen?
Sting ging es darum, in seinen eigenen Stücken das Verborgene zu finden. Zwischentöne, die in einer klassischen Rock- oder Popbesetzung nicht zu hören sind. Und das Ergebnis ist verblüffend: Tatsächlich öffnen sich in Stings Songs ganz neue Abgründe, psychologische Tiefen, Umdeutungen bekannter Stellen und neue Ebenen der Geschichten.
Die großen Klassiker wie „Next To You“, „Every Little Thing She Does Is Magic“ oder „Roxanne“ erhalten durch das Sinfonieorchester vollkommen neue Dimensionen. Auch deshalb, weil Sting Wert darauf legte, dass sich das Sinfonieorchester mit seinen alt gedienten Musikerkollegen ergänzt. Natürlich ist der Gitarrist und Sting-Freund Dominic Miller dabei, aber auch der Schlagzeuger David Cossin, den Sting in China Town gefunden hat, und der ihn durch sein Gefühl für den Klang von Instrumenten begeistert hat. „Es ist nämlich nicht leicht, Rock- und Pop-Rhythmen mit einem Sinfonieorchester zusammenzubringen“, sagt Sting, „es ging darum, dass die alten Rhythmen das Gefüge der Streicher und Bläser nicht dominieren, sondern dass alles zu einer Einheit verschmilzt.“ Die Arbeit an „Symphonicities“ war eine Art andauernder Suche zwischen den Regeln der Klassik und des Pops. Am Ende stand kein kleiner Kompromiss sondern die perfekte Verschmelzung beider Genres.
In den neuen Orchesterbearbeitungen der alten Sting-Klassiker eröffnen sich neue Klangdimensionen. Elemente des Barock, der Klassik, der Romantik mischen sich ganz selbstverständlich mit modernen Akkorden, verblüffenden Wendungen und gespenstischen Harmonien. Über allem schwebt und gräbt natürlich die ebenfalls klassische Stimme Stings. So steht am Ende dieser Arbeit der Beweis, dass Rock und Pop durchaus das Zeug zu zeitlosen Klassikern haben. Kein Wunder also, dass Sting bereits weiter über das Klassische im Pop nachdenkt: „Für mich war das ein spannender Weg, und ich bin sicher, dass ich noch nicht am Ende der Frage angekommen bin, welches Erstaunen mit Orchestermusik heute möglich ist.“